Blogparade: Heimat!

@katjazwitschert hat eingeladen und viele haben sich schon beteiligt. Hier sind weitere 50 Cent zu einer Frage, die eigentlich eine Menge mehr an Zeit beanspruchen würde, als es hier möglich wäre.

Während ich mir die ersten Gedanken zu diesem Blogtext gemacht habe, stehe ich an der ostfriesischen Küste in Neuharlingersiel. Das ist sehr schön dort, aber Heimat is dat nich.

Ich bin Baujahr 1976. Seit dieser Zeit stecke ich hier, wo et schön ist. Schulzeit in Bochum, Zivildienst beie Ommas im Heim, Studium, Praktika, erste Jobs, alles hier. Bis 2008. Da bin ich bzw. sind wir vier Jahre in „die Ferne“ gegangen.

Was Heimat ist merkste erst dann, wenn du nicht mehr da bist.

Vier Jahre hat’s mich uns in die Ferne geschlagen. Ostwestfalen. Schön war das auch nicht. Trotz Kind kriegen vor Ort. Wir haben in dieser Zeit nicht einen einzigen echten sozialen Kontakt gemacht. Und als wir zurück in der Heimat waren, wurde das innerhalb der ersten vier Wochen getoppt. Kein Witz. Mehr Quasseleien anner Supermarktkasse oder auffer Straße als in vier Jahren OWL zusammen. Besonders mir ging’s in der Zeit vor Ort wirklich nicht gut. Jede Zelle meines Körpers sagte mir zu wirklich jeder Zeit, dass ich dort nicht hingehöre. Ein interessantes Erlebnis, das sicherlich auf Dauer krank gemacht hätte.

Zurück in die Heimat gezogen, was heißt das denn nun? Gerade habe ich gesagt, dass ich Bochumer bin. Das würde ich auch so unterschreiben. Wenn der Turm vom Bergbaumuseum (der ja eigentlich aus Dortmund kommt) beim Spaziergang über die Kortumstraße zu sehen ist, geht schon das Herz auf. Aber mit der Zeit und jedem Jahr mehr jenseits der Stadtgrenze ist das ein wenig komplexer geworden. 2004 zog ich aus beruflichen Gründen nach Hattingen. Dort hatte ich seit 2001 gearbeitet. (Der Bochumer an sich wird sich jetzt gruseln, so von wegen Kennzeichen EN und so. Geht ja eigentlich gar nicht. Geht doch, wenn nach den Buchstaben ein 4630 folgt.) Hattingenwurde wirklich zur zweiten Heimat. Dann folgten Arbeitsplätze in Witten und später Herne. Zur Zeit habe ich mein Büro in Dortmund, fahre häufig nach Essen und Herten und auch mal auf die verkehrte Seite nach Moers. Die Aussage sollte also klar sein:

Ich bin Ruhri! Echt.

Eine kleine Geschichte dazu: Wir kamen Anfang 2010 zu zweit von den kleinen Flitterwochen zurück nach „Hause“ – damals Ostwestfalen, siehe oben. Im Radio lief schon auf der gesamten Fahrt Einiges über die damals in den Startlöchern stehende Kulturhauptstadt und wir ärgerten uns darüber, dass wir von ruhr2010 durch diese 180km Entfernung nicht viel mitbekommen würden. Und WDR2 (auch ein echter Heimatfaktor!) kündigte schon seit Stunden an, dass uns „der Herbert“ nun in Kürze seine persönliche Ruhrgebiets-Hymne präsentieren würde.

Kurz vor unserer Wohnung war es dann so weit. „Komm zur Ruhr.“ Grönemeyers Versuch, die vielen Facetten von hier zusammenzubringen. Kloppe dafür hat er genug eingesteckt, aber mir gefällt’s. Komm zur Ruhr: Schön gesagt, wenn man in dieser Situation 180km weiter wohnte. Die Hymne im Radio ging los und tatsächlich kam ein kleines Tränchen aus dem Auge. Etwas, was andere nie verstehen, die nicht von hier sind. In der Zeit der Kulturhauptstadt ist im Pott einiges passiert. Wenn man nicht da war und die Zeit vorher kannte und sie jetzt kennt wird das vielleicht auch bestätigen können.

Seit Ende 2011 sind wir nun endlich zurück. Und wollen nicht mehr weg!
Denn hier sind Familie, Freunde, Arbeit, Mentalität, Menschen, Landschaft und trotz vielem Unken von anderen: aus unserer Sicht ist hier auch Zukunft für unsere KinderBlagen.

„Heimat“ is gezz ma so:

  • Als „alter Penner“ bezeichnet und zu werden und es als Lob zu verstehen.
  • Umme Ecke anne Bude gehen (und um früher für 3 Maak ´ne gemischte Tüte gekauft zu haben).
  • Wenn der Besuch spätestens nach 2 Stunden sagt, wie schön grün es hier ist.
  • Wenn du dich wie Bolle über die Innenraumkarten für das Grönemeyer Konzert im Ruhrstadion (das auch immer Ruhrstadion heißen wird) freust.
  • Wenn 4630 für dich nicht nur ´ne Zahl, sondern eine Lebenseinstellung ist.
  • sich auf Vorträgen und Workshops als Ruhri zu outen und wenn mindestens eine Person „Jo, hier auch“ zurück ruft.
  • Wenn auf jeder Party um 0.00 Uhr „Bochum“ gespielt wird.
  • Stoppok im Bahnhof Langendreer gucken und auch beim Wetterpropheten Pippi inne Augen kriegen
  • Bei Dönninghaus anne Bude anstehen, sich von den Frittenfrauen beschimpfen lassen und es gut finden.
  • Auffe Vierzich im Stau stehn und jeden Morgen drüber motzen.
  • Einmal im Jahr Hoheward Glück Auf sagen.
  • Auf Extraschicht fahren.
  • Mindestens einmal am Tach mit „Und selbst?“ begrüßt werden…
  • … und ein „Muss!“ hinterschieben.
  • Bang Boom Bang: Jeden Satz kennen! Mit Pömps!
  • Bei Sonnenaufgang auffe Kosterbücke stehn.
  • Die Blagens auf´n Hochofen im Landschaftspark Duisburg hochjagen.
  • Von Omma kalte Schnauze als Überraschung mitgebracht bekommen.
  • Samstags zur Erbsensuppe zu Muttern. (oder beie Feuerwehr ausse Gulaschkanone)
  • Beim Steigerlied Gänsehaut bekommen.
  • Sich zu Tana Schanzara am Schauspielhaus auffe Bank setzen und dabei ´ne Pommes essen.
  • Von Bochum nach Dortmund zu müssen und über die S1 motzen…
  • Picknick inne Gruga
  • Poserrunde im Bermuda3eck
  • Eis essen bei Claudio in Wiemelhausen
  • Elli alles Gute wünschen, die geht nämlich jetzt in Rente.
  • Wenn man ein Fördergerüst sieht, so ein komisches Kribbeln zu spüren ist. (Auch wenn du selbst nie eingefahren bist, außer als Blag ins Bergbaumuseum)
  • Wenn der Goosen inne Talkshow auffer Couch sitzt und man sofort Sympathie empfindet.
  • und die Sache mit der Currywurst brauch ich nich erwähnen, oder?

Ach, und noch sooo viel mehr. Ist echt töffte hier. Sach ich nich nur so, musse selbst sehn. Sacht der Sebel auch (unten kucken!) und der musset wissen, der kommt nämlich aus Wanne, und da iss auch Scheiße. Kommsse also ma wacker rum und beim Papa bei und sachste vorher ma Bescheid, ne?

Nachtrag: Einigen von euch wird vielleicht das Thema Fußball fehlen. Hat mich nie erwischt, dieser Virus. Liegt aber auch vielleicht daran, dass ich Bochumer bin. Hehe ;-).