Das erste Mal Internet

Was für ein Luxus, den Tag mit einer Blogparade beginnen zu dürfen. Gestern durch Zufall entdeckt: die neu ins Leben gerufene Parade von Julian Grandke (Link nicht mehr aktiv) über die ersten persönlichen Minuten in diesem Internet.

Das ist vermutlich einer der Momente, an die sich jeder auch nur leicht technikinteressierte Mensch erinnert. Wie häufig bei so anderen meist sehr prägenden Ereignissen im Leben. Bevor ich aber an dieses Internet denke, muss ich ein wenig zurück rudern. Es ist 1989 und ich mitten in der Pubertät. Meine täglichen Nachmittage sahen so aus, dass ich als Kind der offenen Kinder- und Jugendarbeit regelmäßig täglich Zeit in einem Jugendfreizeithaus der Stadt Bochum verbrachte. Dieses Jugendfreizeithaus, kurz „JUST“ genannt und damals noch in der Trägerschaft der Stadt, hatte eine Schwerpunktthematik. Es ging bereits damals um die „Datenfernübertragung“ (DFÜ) und den festen Willen, junge Menschen Technikkompetenz zu vermitteln. Es gab so etwas wie einen Computerraum (da saßen aber fast nur Jungs und kaum Mädchen), komisch aussehende Geräte und die Möglichkeit via Telefon und Computer mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Das alles aber nicht über ein Internet, sondern über das Mailboxing. Über so wundervolle Geräte wie einen C64, einem C128 und XT Computern auf MS-DOS Basis wurde mithilfe eines Modems eine Verbindung zu einer anderen Mailbox aufgebaut. Echte Freaks und Kinder reicher Eltern hatten ein solches Modem bereits zu Hause und konnten von dort aus auf die Mailbox des Just via Telefonleitung zugreifen.

Was für eine Technik!

Besonders dann wenn man auf dem Bildschirm live beobachten konnte, was der externe Anrufer im JUST-Mailboxsystem tat. Das war deshalb spannend weil man bei der atemberaubenden Geschwindigkeit von 1200 „Baud“ (= Zeichen pro Minute) jeden Buchstaben einzeln aufbauen sehen konnte. Die Systemoperatoren, kurz SysOps genannt hatten so wunderbare Namen wie JoSe (kurz für „Jodel Sepp“), Hacker01, oder MAD. Der interne Status eines Kids im Jugendfreizeithauses ging in den Himmel, wenn der Sysop dem Jugendlichen einen neuen User Level zugewiesen hat. Wahlweise aus Willkür ? oder als pädagogische Maßnahme. Abwertungen gab es übrigens auch, was zur Folge hatte, dass der Mensch nie mehr wiederkam oder sich aber in den kommenden Tagen bis Wochen auf den alten Level zurückschleimte.

Am Userlevel sollt ihr sie erkennen.

Je höher, desto besser.
Ach, was war das noch für eine lustige Zeit. Die Systeme hießen zunächst Magicbox, später Zerberus. Unsere Mailbox war die JUST-BOX. Es gab zig andere. Man konnte „Pollen“ (gerne auch per Diskette), es gab „Points“, und irgendwie waren wir in unserer eigenen Welt. Wir haben es damals sogar geschafft, einen Akustikkoppler (Liebe Kinder, wie erklär ich euch das jetzt?) unter einem C64 zum Laufen zu bringen. Ganz neben dem Abtippen eines Listings für den Furzgenerator aus dem 64er Magazin.

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Arianes Benutzername war „Rakete“ (Zisch!). Wir freuten uns wie Bolle, wenn wir es schafften, eine Nachricht an eine ausländische Box abzuschicken und dann tatsächlich ein paar Tage später auch eine Antwort kam. Ja, das dauert seine Zeit. Denn da war nix mit ständiger Erreichbarkeit und Vernetzung. Der jeweilige SysOp einer Mailbox musste sich bequemenen, seine Daten an eine andere Box weiterzuleiten, weil sie Teil des Netzwerks war.

Später: kein Internet

Ja, und dann wurde alles anders. Ein paar Jahre gingen ins Land. Das JUST war auch nicht mehr so attraktiv. Abitur 1995, ohne Internet. Gemeinsam mit einem Freund waren wir gemeinsam für die Abi Zeitung verantwortlich. Bildrecherche: auch ohne Internet. Ganz im Gegenteil. Der Vater des Freundes brachte noch einen Kühlschrank großen Scanner aus dem Büro mit in die improvisierte Redaktion unterm Dach, damit wir die Bilder der Kolleginnen und Kollegen nutzen konnte. Und er kaufte sich seine erste richtig große Festplatte in seinem Leben. Das halbe Jahresgehalt ging drauf für 12 Megabyte. Während ich noch auf meinem Schneider EuroPC mein DOS von Diskette booten musste. Aber das war gut, denn die ganzen Basic-Batch Programmierungen kombiniert mit dem C64 Basic Zeug prägen bis heute und erleichtern die Erstellung der kompliziertesten Monitoring-Abfragen. Ein Beweis dafür, warum Basiswissen tatsächlich immer noch weiter führt und ein Kapitän möglicherweise immer noch lernen sollte, ohne GPS navigieren zu können.

Mitte der Neunziger: Einmal „im Internet schauen.“

Nach dem Zivildienst stand eine Ausbildung an. Und jetzt kommen wir endlich zum Thema. Der Ausbildungsbetrieb war etwas schräg. Schräg, bezogen auf die kulturelle und musikalische Ausrichtung. Man kümmerte sich um, na sagen wir, advantgardistische Künstlerinnen und Künstler. Mir war das völlig zu hoch, ich hatte keinen Zugang dazu und ich verstand überhaupt nichts davon, was mir die Musik sagen sollte. Diese Szene wiederum schien aber nicht sehr groß zu sein, so dass es eine deutschlandweite, europäische und sogar globale Vernetzung gab. Auf dem Schreibtisch des Chefs stand ein Modem. Während eines Gespräches erzählte ich dem Chef von meinen Erfahrungen in diesen Mailboxsystemen und wir verabredeten uns für den Nachmittag, um einmal „im Internet zu schauen“, was denn so in Australien los sei.

Funkenflug!

Dies war der Beginn einer langen Geschichte. Wahnsinn! Es eröffneten sich Welten, von deren Existenz ich vorher noch nichts geahnt hatte. Drehende Grafiken und unwahrscheinlich bunte Bilder.
die Ausbildung brach ich ab. Was aber nicht an dem Schock der bunten Bilder lag. Vielmehr lockte doch das Studium. 1997 richtete man an der Hochschule das erste kleine Rechenzentrum für Studierende ein, das gleich „Rechenzentrum“ hieß. Man stellte dort ein paar riesige Rechner hin, alle ausgestattet mit einem Diskettenlaufwerk aber eben auch einem Internetanschluss. Wir könnten ja „mal schauen, was diese neue Technologie so bringt“, sagten unsere Profs zukunftsbewusst im ersten Semester. Ab dem zweiten Semester sollten wir unsere Hausarbeiten bitte mit einer Internetrecherche vervollständigen. Ab dem dritten Semester nahmen einige Dozenzen keine Hausarbeiten mehr ohne Internetrecherche an und meine Diplomarbeit im Jahr 2000 schrieb ich zu großen Teilen durch Recherche in amerikanischen Quellen. Es folgte die erste eigene Websites und viel Zeit vor unzähligen Monitoren.

Was für eine Zeit!

Hier könnte ich jetzt anschließen und weitermachen. Aber die Blogparade wollte genau das ja nicht. Sondern es ging lediglich darum zu schauen, wie die erste Begegnung mit dem Internet ausging. Und jetzt, weitermachen. Danke für die Parade.

tl;dr

Ach ja, Internet. Gibt’s.
Ich rege mich immer auf, wenn in Ausschreibungen von „neuen Medien“ die Rede ist. 1989 gab’s die schon. Und das ist lange her.