Ewig verbunden - Maik Meid

Tourette a cappella

Heute kommt ein Outing. Ein sehr persönliches sogar. Und der Grund für dieses Outing kam sehr spontan, nachdem ich gerade bei der Zusammenstellung der aktuellen Fundraisingwoche ein Video entdeckt habe, das mich sofort sehr berührt hat.
Nicht viele wissen:

Ich bin Touretti!

Eigentlich ist und war das kein Geheimnis, denn ich habe nie eins draus gemacht. Und spätestens wenn sich herausstellte, dass ich näher mit einem Menschen zu tun bekomme, dann habe ich zwei bis drei Sätze dazu verloren. Das Tourette-Syndrom an sich ist sehr speziell und die meisten Menschen, die überhaupt schon mal davon gehört haben, kennen die medial aufgebauschten Clichés und denken zu wissen, was es ist. Es ist halt medial sehr schön zu sehen, wenn ein Mensch schnaufend und im Idealfall auch noch fluchend durch die Stadt rennt und die Kamera auf die beobachtende Menge der Passanten gedreht ist. All dies ist Tourette, ja. Aber auch wieder nicht.

Ewig verbunden - Maik Meid

Ewig verbunden: Das Tourette-Syndrom geht nicht weg.

Tourette ist komplexer

Meine Tourette Geschichte begann als Kind. Schon im Grundschulalter hüpfte ich durch die Gegend wie ein Irrer, zuckte mit dem Kopf und gab komische Laute von mir. Aber zum Arzt ging man damals nicht. Der Junge ist einfach nervös, hat zu lange Haare oder was auch immer. Egal.
An dieser Stelle folgt nun keine Abhandlung der ach so missratenen Kindheit oder Jugend. Keine Berichte über Therapien, Aufenthalte wo auch immer. Gab es nicht. Und das war auch gut so. Ich war halt… anders. Irgendwie. Aber den Menschen, die sich mit mir tummelten, machte das anscheinend nicht aus.
Im Zivildienst namen die Tics dann derart zu, dass ich mich selbst zum Neurologen begeben habe. Der wusste auch nicht sofort, was mit mir anzufangen war und untersuchte mich auf alle, bloß nicht auf das Wesentliche. Eines Nachts konnte ich nicht schlafen und sah im Fernsehen einen Bericht über das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom und war gefühlsmäßig zu Hause. Das war es. Mit dem Wissen ging ich erneut zum Arzt und nach einem kleinen Krankenhaus-Aufenthalt war dann alles klar.

Keine Lebensgeschichte

Ich ticte durch’s Leben, mal mit medikamentöser Unterstützung, mal ohne. Ich studierte ohne Probleme. Schrieb meine Diplomarbeit zu einem Tourette-Thema. Es kam nur zu einer kurzen Krise, in dem ein ganz furchtbar übereifriger Amtsarzt mir kein Gesundheitszeugnis für die Arbeit mit Jugendlichen ausstellen wollte – wohlgemerkt nach der Diplomarbeit, die sich genau mit diesem Thema auseinandersetzte!. Beim Neurologe schrieb sofort das Gegengutachten und meine damalige bzw. aus der zeitlichen Sicht kommende Chefin sagt mir jede Unterstützung zu, das notfalls gerichtlich durchzuziehen. Das war mein Glück. Denn sonst wäre ich mit ziemlicher Sicherheit nicht dort, wo ich heute bin. Familiengründung inklusive. Okay, ist vielleicht ein wenig weit hergeholt, aber ich bin fest davon überzeugt.

Und dann war Schluss!

Die Jahre gingen ins Land. Und dann war auf einmal Schluss. Nicht Schluss mit den Tics. Die habe ich bis heute. Aber sie veränderten sich. Und die nach außen Sichtbaren verschwanden sehr stark. Warum? Keine Ahnung. Das konnte mir bislang auch kein Arzt sagen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sie sich jederzeit wieder verstärken können. Und so lebe ich auch.

Du hast nicht das Tourette-Syndrom. Es hat dich.

Es ist Jahre her, dass ich Menschen präventiv davon berichtet habe. Eigentlich mache ich es kaum noch und ich bin unendlich dankbar dafür, dass es so ist.

Weit ausgeholt für einen spontanen Blogtext.

Ach ja, zurück zum Anfang. Ich habe einen Link entdeckt. Und darin war ein Video aus Belgien über Tourette. Und das möchte ich euch nicht vorenthalten. So ist Tourette. Beziehungsweise das Tourette, das ich kennenlernen musste.

Schöne Pfingsten!

1 Antwort
  1. Susanne Reuter
    Susanne Reuter says:

    Hallo Maik, ein mutiger Beitrag, der sicher auch Vorbild für andere sein kann die anders sind…! Du machst dich damit verletzbar und zeigst gleichzeitig eine enorme Stärke, weil du einfach sagst: „Schaut her, so (der) bin ich!“ Du könntest umgekehrt immer mit voller Berechtigung fragen: „Und: (wie) wer seid Ihr?“
    Ich „kenne“ dich nun schon so lange, aber außer dass ich feststellen durfte, dass wir ja alle irgendwie anders sind (als wer oder was eigentlich? 😉 ), wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass irgendetwas mit dir „nicht stimmt“. Du bist klasse so, wie du bist! Da kann sich manche/r „Normalo“ oder Nicht-Touretti ne Scheibe von abschneiden – werd ich auch machen 🙂

    Antworten

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