Lecker Toilette

Warum ich gerne weiter inhabergeführte Hotels unterstützen würde, es aber nicht mehr tue.

Reisen ist des Beraters Alltag. Ich bin selbst jetzt nicht sooo häufig unterwegs, aber ein bist drei Übernachtungen pro Monat sind es schon. Manchmal um einiges mehr, manchmal aber auch weniger. Während ich das hier tippe, ist es mal wieder soweit. Zwei Tage im Südwesten der Republik. Ich sitze auf einem Hotelbett an der Wand. Das Zimmer hat der Veranstalter der kommenden Veranstaltung für mich gebucht. Schön in der Nähe des Seminarhauses, „umme Ecke“ sagt man bei uns. Sitzen auf dem Bett ist gerade nicht so einfach möglich, da mir das hölzerne Brett ein wenig im Rücken knackst.

Edles Zimmer, schön in kackbraun.

Edles Zimmer, schön in kackbraun.

Aber zurück zum Anfang. Reisen und Übernachten ist unabwendbar, wenn man Menschen begleiten und beraten möchte. Und das lokal-regionale Herz von mir schreit immer, kleine und inhabergeführte Hotels zu unterstützen.

Aber spätestens seit jetzt mache ich das nicht mehr.

Warum? An einem Tag wie heute bin ich froh, am Ziel zu sein. Ich wollte ruhig und am Sonntag Nachmittag losfahren, um entspannt abends im Süden anzukommen, den Tatort Polizeiruf zu gucken und mich noch mal ein wenig auf das Seminar vorbereiten, das ich morgen halten soll. Schon zu Hause war klar, dass das nicht so einfach werden würde. Ich bin dann mal zwei Stunden vor der geplanten Zeit losgefahren, weil es in Mülheim bei der Bahn gebrannt hat und das gefühlte Chaos in Essen ausgebrochen ist. 80 Minuten S-Bahn, insgesamt über 90 Minuten Stehen auf Bahnsteigen, mehrfaches Umsetzen im Zug und eine Klimaanlagen-Erkältung später kam ich nach 6,5 Stunden (normal = 3,5) im Hotel an.

Und dann möchte man es doch halbwegs nett haben, oder?

Bereits beim Betreten des Hotels war klar, dass die dringend notwendige Renovierung nicht nur der Optik etwas zu lange hat auf sich warten lassen.

Eingangstür Hotelflur

Ein Traum. Beraters Liebling.

Nach Warten auf den Rezeptionisten zeigte dieser sein mitleidigsten Blick, als ich nach einem WiFi-Ticket fragte. Bis in den dritten Stock würde das Signal vermutlich nicht reichen. Ein Blick auf’s Smartphone brachte auch keine Freude hervor. Edgy! Er gab mir aber noch eine bereits aufgerubbelte Magenta-Wertkarte mit, die sonst „Fünf Euro kosten“ würde, ein anderer Gast aber zurück gegeben habe. Komisch, warum wohl? Die Karte funktionierte aber auch nicht.

Um das definitiv klarzustellen: Es geht mir nicht um Luxus.

Drei Sterne buche ich meistens oder die werden vom Veranstalter gebucht. Die reichen. Wirklich. Ich brauche keine Minibar. Und ob da jetzt ein oder zwei Kissen liegen: Geschenkt. Nehme eh mein eigenes Kissen mit. Ich möchte aber einfach ankommen und mich wohlfühlen und nicht die Stunden zählen, wann ich wieder aus dem Zimmer raus darf. Eine brauchbare Körperhygiene mit eingeschlossen.

Aber, wenn der Duschkopf (falls er als solcher noch erkennbar ist) alles nass macht, außer dem edlen Körper… wenn das WiFi nicht in den dritten Stock kommt… das Getier auf der weißen Tapete mindestens fünf Jahre schon da klebt… es beim Frühstück „nur Kännchen“ und die Tischwerbung für die „Kaffeespezialitäten aus der Siebmaschine“ wirklich nur Werbung ist, beim Drehen im Bett immer die Platte vor den Kopf donnert… die Lichtschalter noch die schönen alten Schalter aus Bakelit sind, die im Dunkeln leuchten…

Wohlfühlen, das ist das Thema.

Diese Nummer passierte in diesem Jahr drei Mal. Immer wenn ich irgendwo reinkam, erinnerten mich die Gänge und Zimmerausstattungen an die gepflegten „früher-war-alles-besser“ Zeiten und Räume aus diversen Geheimdienst-Filmen, die mit im Großmarkt erhältlichen metallisch-braunen Klebefolien als Hinguckern ausgestattet sind. Die Holzdecken braun wie das hinterste Sachsen, versehen mit der schönen alten runden Deckenlampe aus Glas mit den Knubbeln dran. Ja, genau die, an die man jetzt denkt. Gab’s bei Oma auch als Aschenbecher, nur anders rum.

Vor ein paar Wochen wurde ich in Franken in ein Hotel gebucht, wo selbst Oma nicht mehr hätte wohnen wollen. Badbereich und Zimmer waren wirklich seit den 70ern nicht mehr renoviert worden. Echt nicht, siehe Artikel Titelbild. Dafür gab’s aber Häubchen und Schürze beim Servieren des Frühstücks am Morgen. Hat man auch selten.

Beraters Paradise.

Beraters Paradise in Franken.

Und, sorry, wohlfühlen, das tue ich mich hier nicht. Freu mich schon auf Vollei und „Formfleischschinken“ morgen früh.

Apropos Vollei und Formfleisch:

Kommen wir zu den Hotelketten.
Das Zimmer hier und auch das vor ein paar Wochen kostete 80,- Euro pro Nacht, Wifi nicht mit drin. Wenn ich für weniger, gleich viel Geld oder einem leichten Aufpreis in einer Kette ein Zimmer bekomme und vorher schon weiß, wie es sein wird, dann buche ich das. Ich brauche mir nämlich keine Gedanken machen. Es sieht zwar von Flensburg bis Berchtesgaden überall gleich aus, aber genau das macht mir in diesem Fall nix. Es stimmt halt. Das Motel One sieht dabei sogar noch echt gut aus. Aber auch diese Ansprüche hätte ich gar nicht.

Nachtrag: Am zweiten Abend saß ich wieder auf dem besagten Bett. Gefühlte zwei Zimmer weiter wurde randaliert. Drei Stunden lang. Ich konnte die Sprache leider nicht verstehen. Es war kein Schwäbisch. Es gibt so Aufenthalte, da freut man sich dreifach auf das Bett zu Hause.

1 Antwort

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  1. […] Kein DJ, aber immerhin eine Ansprache. Ich hab mich gegen 21.00 Uhr auf den Weg ins Hotel gemacht (Dieses Mal hatte ich übrigens Glück.), und die Vertriebsmenschen vor Ort weiter Vertrieb machen lassen. Das war schon sehr extrem zu […]

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